Die Grünen in Gerlingen

Gerlinger Grüne und ihre Gäste diskutieren mit Sozialminister Manne Lucha

Impulse pro Ehrenamt: Fast die Mehrheit setzt sich ein

Ist Ehrenamt noch Ehrensache oder werden wir zunehmend zu einer „Nehmer-Gesellschaft“, in der das Ehrenamt auszusterben droht? Warum engagieren Menschen sich freiwillig und unentgeltlich für andere? In vielen Fällen so sehr, dass man die Arbeit als Halbtagesjob bezeichnen müsste? Und wie kann die Politik dafür sorgen, dass es auch in Zukunft in Vereinen, der Nachbarschafts- oder Flüchtlingshilfe noch Menschen geben wird, die sich uneigennützig und zumeist vollkommen unentgeltlich um Zusammenhalt und Gemeinschaft kümmern? Muss Ehrenamt anders, auch finanziell, etwa durch die Möglichkeit „Rentenpunkte“ anzusammeln, aufgewertet werden?

Diese Fragen waren Teil der „Impuls-Lounge“ mit Podiumsdiskussion, zu der vor zehn Tagen der Ortsverband von Bündnis 90/Die Grünen in die Aula der Pestalozzischule eingeladen hatte. Manne Lucha, Minister für Soziales, Bürgermeister Georg Brenner, die 1. Vorsitzende der KSG Sabine Wahl, die Mitarbeiterin im Weltladen Anja Meier sowie Ulrike Stegmaier, Gemeinderätin der Grünen und Moderatorin des Abends, saßen gemeinsam auf dem Podium – und mit ihnen ein freier Stuhl, den im Laufe des Abends Mitdiskutierende aus dem Publikum „besetzten“.

Was kann ich für mein Land tun?

„Fragt nicht, was euer Land für euch tun kann – fragt, was ihr für euer Land tun könnt“ – mit diesem Zitat des früheren US-Präsidenten John F. Kennedy eröffnete Markus Rösler, aus Gerlingen stammender Landtagsabgeordneter der Grünen, der sich unter anderem ehrenamtlich in der Rebmann-Stiftung engagiert, den Abend.

Ein eindrucksvolles Bild für eine der derzeit größten Sorgen der Menschheit fand Moderatorin Ulrike Stegmaier mit der ersten Landung von Menschen auf dem Mond im Jahr 1969 – nimmt man Apollo 8 vom Dezember 1968, den ersten bemannten Flug zum Mond, so ist es nun tatsächlich exakt  50 Jahre her, dass Menschen den Mond umkreisten und von hier aus einen Blick auf den blauen Planeten werfen konnten. Dessen Meere leuchteten damals königsblau, Plastikmüll war kein Thema. Der Anblick, der sich aktuellen Raumfahrern biete, so Stegmaier, sei angesichts der Umweltzerstörung dagegen zunehmend bestürzend.

Genetisch verankerte Hilfsbereitschaft

Optimistischer kann man, bei aller möglichen Kritik und bei allen Verbesserungswünschen, aufs Ehrenamt in Baden-Württemberg blicken: „Ohne bürgerschaftliches Engagement würde Demokratie nicht funktionieren“, sagte Sozialminister Manne Lucha in seinem Impulsvortrag. Entgegen vieler Unkenrufe sei es nach aktuellen Zahlen Fakt, dass sich 48,2 Prozent der Baden-Württemberger (befragt worden waren Bürger von 14 Jahren an) ehrenamtlich engagierten. In Wahrheit seien es noch deutlich mehr, denn gestartet worden war die jüngste Umfrage, bevor die Flüchtlingsströme nach Deutschland kamen, die sofort eine riesige Hilfsbereitschaft auslösten.

Bei allem Lob des Ministers – „Vieles wäre ohne Ihre Beteiligung gar nicht möglich“ oder „Bei uns gibt’s die Hilfsbereitschaft als natürliches Gen und das ist in anderen Ländern nicht so!“ – wurde in der Diskussion doch deutlich, dass es durchaus Probleme und Verbesserungspotenzial gibt.

Ehrenamt kann sich nicht jeder leisten

Die KSG-Vorsitzende Sabine Wahl ist für ihren Verein sechs Stunden pro Woche als Trainerin und im Schnitt weitere zehn Stunden administrativ unterwegs. Damit ist sie ehrenamtlich fast halbtags tätig –der Vollständigkeit halber sei hier angemerkt, dass sie als Trainerin eine Aufwandsentschädigung von 200 Euro pro Monat bekommt. „Ehrenamt muss man sich leisten können“, gibt die vierfache Mutter zu bedenken. „Eine allein erziehende Mutter, die Vollzeit arbeiten muss, kann das normalerweise nicht.“

Die Welt ein bisschen besser machen

Der Gesellschaft etwas zurückgeben, die Welt ein kleines bisschen besser machen, das möchte auch Dr. Anja Meier, die als Zahnärztin Vollzeit arbeitet, sich aber immer wieder für einige Stunden Zeit nimmt, um im Weltladen fair gehandelte Produkte zu verkaufen, was ihr großen Spaß mache. Sie gesteht: „Hätte ich zwei Kinder und den Job, dann weiß ich nicht, ob ich noch ehrenamtlich arbeiten würde.“ Damit trifft sie einen der wunden Punkte, die Sabine Wahl in ihrer Arbeit zu schaffen machen: „Wir haben zunehmend Probleme, Trainer zu finden, die sich zuverlässig und längerfristig zur Verfügung stellen, egal ob das eigene Kind krank ist oder nicht.“

„Wir müssen akzeptieren, dass die Leute sich temporär engagieren, ehrenamtliches Arbeiten ist immer abhängig vom aktuellen Lebenszyklus“, gab Manne Lucha zu bedenken. Auf die Frage von Ulrike Stegmaier nach der Möglichkeit für Ehrenamtlich Tätige Rentenpunkte anzusammeln, hätte man sich an diesem Abend mehr Zeit für die ausführliche Diskussion gewünscht. So aber antwortete Lucha recht pauschal, dass echte Staatsaufgaben der Staat organisieren müsse, „das Ehrenamt soll das Zusätzliche sein und seinen eigenständigen Charakter bewahren.“

Idealismus gehört dazu

Viel gelacht worden ist an diesem etwas zu kurzen, dafür aber kurzweiligen Abend dennoch. Etwa als Sabine Wahl gefragt wurde, was die Kommune ihr für ihre Arbeit zurückgebe. „Wir kriegen nicht alles sofort“, sagte sie, „aber wir bekommen schon immer das, was wir wollen.“ Bürgermeister Georg Brenner, der von Ulrike Stegmeier als allseits beliebter und um Harmonie bemühter Schultes vorgestellt wurde, weiß aus eigener ehrenamtlicher Erfahrung im Sportverein, „dass Idealismus dazugehört.“ Er könne sich nicht vorstellen, hauptamtliche Vereinsleiter einzustellen, aber durchaus, die Vereinsförderrichtlinien erneut unter die Lupe zu nehmen. Auch eine bessere Begleitung der Vereine bei solchen Mammutaufgaben wie jener rund um die Datenschutz-Grundverordnung sei sicher angebracht.

Ehrenamt braucht mehr Sexappeal

Das Thema Ehrenamt brauche weitere Vertiefung, stellte Moderatorin Ulrike Stegmaier fest, die den Abend in der Hauptsache gemeinsam mit Conny Bressem organisiert hat. Viele Fragen mussten offen bleiben, aber eines immerhin wurde dank eines Mittfünfzigers klar, der kurzzeitig den leeren Stuhl auf dem Podium besetzte. Seiner Ansicht nach wissen viele zu wenig über das Ehrenamt allgemein. „Man muss mehr Werbung fürs Ehrenamt machen, es muss als populär und sexy dargestellt werden“, sagte er und gestand, sein erster Kontakt mit dem Ehrenamt sei in jenem Moment zustande gekommen, als sein Sohn das KSG-Turnen besuchte. Manne Lucha gab sich auch da pragmatisch-optimistisch: „Es ist nie zu spät!“ Wie sagte doch Perikles vor rund 2500 Jahren recht drastisch: „Allein bei uns wird einer, der von Staatssachen sich ganz fern hält, nicht für einen Ruheliebenden sondern für einen unnützen Menschen angesehen.“  

Barbara Bross-Winkler